Mehr Kompetenzen, mehr Eigenverantwortung, mehr Akademisierung: In Italien übernehmen Pflegefachpersonen bereits heute Aufgaben, über die in Deutschland noch diskutiert wird. Im Interview gibt Prof. Dr. Shiney Franz Einblicke in ihre Erfahrungen und erklärt, welche Impulse das italienische Modell für die Weiterentwicklung der professionellen Pflege hierzulande geben kann.
Infos zur Person: Prof. Dr. Shiney Franz ist Professorin für den Studiengang Pflege an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Göttingen
Sie sprechen auf dem Pflegetag Niedersachsen über Pflegekompetenz und -befugnisse in anderen Ländern am Beispiel Italien. Wenn Sie das italienische Gesundheitssystem mit dem deutschen vergleichen: Wie unterscheidet sich dort die Rolle der Pflegefachperson?
Shiney Franz: Wenn wir die Rolle der Pflegefachpersonen im italienischen Gesundheitssystem mit derjenigen in Deutschland vergleichen, zeigen sich deutliche Unterschiede hinsichtlich Ausbildung, Kompetenzen und Befugnissen. Während in Deutschland Pflegefachpersonen überwiegend mit einer grundständigen Ausbildung tätig sind, befinden sich in Italien viele Pflegende bereits in Master- oder Promotionsstudiengängen. Dies spiegelt sich in einer erweiterten Rollenwahrnehmung und einem höheren Grad an Professionalisierung wider.
In Italien ist die Pflege stärker akademisiert, was sich auch in den gesetzlich verankerten Kompetenzen niederschlägt. Pflegefachpersonen übernehmen dort wesentlich eigenständigere Aufgaben. Die Anforderungen an die Pflege orientieren sich in Italien stark an evidenzbasierter bzw. evidenzinformierter Praxis. Dies spiegelt sich nicht nur in der beruflichen Ausbildung, sondern auch im gesellschaftlichen Erwartungshorizont wider: Die Pflege wird als eigenständiger, wissenschaftlich fundierter Gesundheitsberuf verstanden, der einen zentralen Beitrag zur patientenorientierten Versorgung leistet.

Sie haben im Rahmen einer Bildungsreise des DBfK Nordwest verschiedene Einrichtungen in Rom besucht. Was hat Sie am meisten überrascht oder beeindruckt?
Shiney Franz: Wir haben als Gruppe aus Deutschland an dem Besuch teilgenommen. Besonders beeindruckt waren wir von den pflegegeleiteten Abteilungen sowie innovativen Konzepten wie „Fast Care“. Diese Ansätze zielen darauf ab, durch gezielte Triagierung und pflegerische Interventionen die Arbeitsbelastung in der Notaufnahme zu verringern. Auch das in das Krankenhaus integrierte Konzept der Community Health Nurse war für uns sehr interessant und bot spannende Einblicke in die interprofessionelle und wohnortnahe Versorgung.
Mit dem Befugniserweiterungsgesetz ist zumindest ein erster Schritt für mehr Pflegekompetenzen in Deutschland gemacht. Was kann die professionelle Pflege in Deutschland von Italien lernen?
Shiney Franz: Italien steht vor ähnlichen Herausforderungen im Pflegebereich wie Deutschland – etwa dem Fachpersonalmangel, dem Wandel des Pflegeberufs, demografischen Veränderungen und den Anforderungen der Digitalisierung. Besonders beeindruckend ist jedoch, wie systematisch die Qualifizierung der Pflegefachpersonen in Italien aufgebaut ist und dadurch gezielt zur Kompetenzerweiterung beiträgt. Die Kolleg:innen vor Ort treten sehr selbstbewusst auf und kommunizieren auf Augenhöhe mit anderen Berufsgruppen im Gesundheitssystem. Dieses professionelle Selbstverständnis ist vor allem durch die umfassenden und klar strukturierten Bildungswege möglich.
Beim Pflegetag Niedersachsen wird es einen Publikumsdialog mit der Fragestellung „Was heißt Befugniserweiterung für Pflegende?“ geben. Was heißt Befugniserweiterung für Sie?
Shiney Franz: Befugniserweiterung in der Pflege bedeutet für mich, dass Pflegefachpersonen über eine erweiterte Handlungs- und Entscheidungskompetenz verfügen und Pflegeprozesse eigenverantwortlich gestalten können. Dies umfasst nicht nur die eigenständige Durchführung pflegerischer Maßnahmen, sondern auch die Übernahme von Aufgaben, die traditionell anderen Berufsgruppen vorbehalten waren – etwa in der Diagnostik, Beratung, im Fallmanagement oder bei der Verordnung und Vergabe von bestimmten Medikamenten und Hilfsmitteln.
Eine solche Befugniserweiterung setzt voraus, dass Pflegefachpersonen über fundierte fachliche, soziale und methodische Kompetenzen verfügen, die sie durch entsprechende Aus- und Weiterbildungen erwerben. Für mich bedeutet Befugniserweiterung daher auch, dass die Qualifikation der Pflegenden systematisch weiterentwickelt und an die sich verändernden Anforderungen im Gesundheitswesen angepasst wird. Im Kern verstehe ich unter Befugniserweiterung die Möglichkeit, im Sinne der Patient:innen eigenverantwortlich, evidenz-informiert und professionell zu handeln – und zwar auf Augenhöhe mit anderen Gesundheitsberufen. Dadurch wird nicht nur das Berufsfeld der Pflege gestärkt, sondern auch die Versorgungsqualität insgesamt nachhaltig verbessert.
Der Pflegetag Niedersachsen findet am 10. September 2026 in Hannover statt. Im Mittelpunkt stehen erweiterte Kompetenzen für Pflegefachpersonen und konkrete Praxisbeispiele aus Krankenhaus, Langzeitpflege, Primärversorgung und dem europäischen Ausland. Alle Infos zum Programm gibt es auf unserer Webseite: www.pflegetag-niedersachsen.de sowie unter Termine in der DBfK App.