Das zweiwöchige Auslandspraktikum im Gesundheitszentrum im spanischen Santa Maria del Camí ermöglichte mir einen unmittelbaren Einblick in die etablierte Primärversorgung durch Pflegefachpersonen im spanischen Sistema Nacional de Salud. Besonders prägend waren die klar strukturierten Versorgungsmodelle mit festen Bevölkerungsquoten (CUPO), die praxisorientierte Weiterbildung zur Enfermera familiar y comunitaria sowie die interprofessionelle Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Der Bezug zu Spanien und den Balearen entstand über eine Semesterarbeit zum vereinfachten Vergleich von CHN in Spanien und Deutschland und dem zugrundeliegenden Gesundheitssystem. Um es vorweg zu nehmen: Ich war überrascht, begeistert und doch irgendwie verliebt in diese Versorgungsform in der Pflege, die mir bisher verborgen blieb. Doch nun der Reihe nach zu meinen Erkenntnissen und Erlebnissen:
- Organisation der Primärversorgung in Spanien: Im spanischen Sistema Nacional de Salud (SNS) nach dem Beveridge-Model gibt es in jeder größeren Kommune ein Gesundheitszentrum (Centro de Salud), das durch dezentrale Unidades Básica ergänzt wird. Mallorca hat 46 Gesundheitszentren, die 24/7 geöffnet und dadurch für die Bevölkerung primäre Anlaufstelle sind. Die Sekundärversorgung wird durch vier staatliche Krankenhäuser sichergestellt. Im Vergleich zu Deutschland benötigt das spanische Gesundheitssystem etwa 50 Prozent weniger Krankenhausbetten auf 100.000 Einwohner:innen (OECD, Health at a Glance, 2025, S. 117).
- CUPO (Quote): Auch in der spanischen Primärversorgung gibt es eine Art Personal-Patienten-Relation, die je nach Region bei 1:1.500 bis 1:1.700 Bewohnern liegt. Regionale Unterschiede gibt es selbst auf Mallorca (hinsichtlich Gesundheitsstatus und -kompetenz sowie finanzieller Situation). Bis zum Alter von 15 Jahren sind Kinderpflegefachpersonen und Kinderarzt/-ärztin zuständig. Ab dem 15. Lebensjahr werden die Bevölkerungsanteile pro Pflegefachperson in Altersscheiben geteilt, wobei in höheren Altersgruppen mehr differenziert wird. Fachkräfte erhalten entsprechend ihrer aktuellen Quoten neue Klienten durch Erreichen des 15. Lebensjahrs oder Zuzug. Übrigens: 1:1.700 klingt viel. Aber mit einem frühen Einsatz an Prävention und Gesundheitsförderung ist eine Primärversorgung mit diesem Schlüssel tatsächlich umsetzbar.
- Master vs. EIR (Enfermera Interna Residente):
Während in Deutschland die Entscheidung zur Qualifikation von Community
Health Nurses auf Masterniveau dem Bologna-Prozess folgend getroffen
wurde, wurden auf Mallorca an der Escuela Graduada in Palma de Mallorca
seit 2012 eine Vielzahl von Enfermeras familiar y comunitaria ähnlich
dem deutschen Fachweiterbildungssystem qualifiziert, obwohl die
Primärqualifikation spanischer Pflegefachpersonen stets auf
Bachelorniveau erfolgt. Dabei liegt der Schwerpunkt der Weiterbildung
auf der Ausbildung fachpraktischer Fähigkeiten, die während einer
zweijährigen Rotation durch verschiedene Gesundheitszentren Mallorcas
erlernt werden.
- Enfermera familiar y comunitaria (EfyC) – familiar?:
Ja, das ist ein wesentlicher Unterschied. EFyCs werden entsprechend der
Quote den Bewohner:innen eines Ortes oder Stadtteils zugeordnet. Gerade
im ländlichen Bereich sind EFyCs daher auch generationsübergreifend und
entsprechend langfristig für ganze Familien verantwortlich. Daraus
ergeben sich – so konnte ich es in Santa Maria del Camí beobachten –
ganz besondere Beziehungen zwischen Pflegefachpesonen und Klient:innen
und deren Familien. Gerade die Versorgung der Familie ist eine tolle
Möglichkeit, Ressourcen der Klient:innen darzustellen und zu nutzen. Im
Kontext der intergenerationalen Versorgung wirkt Prävention und
Gesundheitsförderung dadurch gleich doppelt.
- Zusammenarbeit der CHN im multiprofessionellen Team:
In einem Gesundheitszentrum wie diesem in Santa Maria del Camí, etwa
zwölf Kilometer nordwestlichen von Palma, habe ich ein Team aus
Pflegefachpersonen, ärztlichen Kolleg:innen und Mitarbeitenden der
Administration erlebt, die miteinander auf Augenhöhe nahezu
schnittstellenfrei die Bewohner:innen von Santa Maria del Camí und
Umgebung versorgen. Der primäre Zugang erfolgt dabei stets über die
zugeordnete Pflegefachperson, die im Rahmen von Routine- und
Notfallversorgung eigenständig und eigenverantwortlich Assessments und
diagnostische Maßnahmen von pulmonaler und kardialer Untersuchung über
Langzeitblutdruck bis hin zur Naht von Platzwunden, auch im Rahmen von
Arbeitsunfällen, erledigt. Der jeweilige ärztliche Kollege bzw. die
Kollegin wird hinzugerufen, wenn z.B. medikamentöse Maßnahmen erfolgen
müssen oder als ultima ratio auch Krankenhauseinweisungen zu prüfen
sind.
Für den Blick über den Tellerrand kann ich an
dieser Stelle nur werben. Die erlebte pflegerische Autonomie – von
umfassenden Assessments bis zur eigenständigen Wundversorgung – zeigte
eindrucksvoll, wie Primärversorgung durch Pflege gestaltet werden kann.
Die Erfahrungen verdeutlichen das Potenzial eines präventiv
ausgerichteten, familienorientierten Community Health Nursing und
liefern wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung der pflegerischen
Primärversorgung in Deutschland. Es bleiben viele Eindrücke, wie
sinnstiftend Arbeit in diesem Gesundheitssystem sein kann, wie
pflegerische Primärversorgung konkret gelebt werden kann und mit welchen
Kompetenzen beruflich Pflegende in anderen Ländern gesetzlich
ausgestattet sind.
Mein herzlicher Dank gilt dem Bosch Health Campus für die Förderung
dieses Auslandspraktikums.
Martin Schunack
Wir werden in den nächsten Ausgaben dieses Magazins weitere Auslandsberichte von Community Health Nurses veröffentlichen.